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Projekt Ingeborg macht Klagenfurt zur Bibliothek

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Klagenfurt ist dieser Tage die Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur. Fast zeitgleich mit dem Bachmannpreis startet heute, am 2. Juli, ein Netzkulturprojekt, das die Stadt zur Bibliothek macht – eine virtuelle Bibliothek, denn Klagenfurt hat als einzige größere mitteleuropäische Stadt keine eigene Stadtbibliothek. Das Teilen digitaler Inhalte im öffentlichen Raum wurde dem Projekt erst durch den Kooperationspartner, die Stadtwerke Klagenfurt (STW Mobilität), möglich.

70 auffallende Sticker laden ab morgen, Dienstag, in ganz Klagenfurt zum Download von E-Books ein. 50 davon befinden sich an Bushaltestellen der STW Mobilität. Um sich ein Buch herunterzuladen, hält der Nutzer lediglich sein NFC-fähiges Smartphone auf den gelben Sticker oder fotografiert den darauf befindlichen QR-Code. Geboten werden in der Startphase 70 Klassiker der Literatur, deren Urheberrecht bereits abgelaufen ist.

Wo sich die Sticker befinden (nicht jedoch deren Inhalt), verrät eine Karte auf der Projektwebsite: http://pingeb.org.

Die Werke haben vielfach einen Bezug zum jeweiligen Ort. So findet sich Arthur Schnitzlers „Der Mörder“ in der Nähe der Bundespolizeidirektion, Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ am Dom oder Shakespears „Sommernachtstraum“ beim Strandbad. Wie in jeder Bibliothek gibt es auch beim Projekt Ingeborg nicht nur Belletristik. Am Kreuzbergl kann man sich Michael Edmunds „Führer für Pilzfreunde“ aus dem Jahr 1917 herunterladen. In der Nähe des Planetariums erlebt man Abschätzungen über die Auswirkungen eines Kometenabsturzes des 1842 verstorbenen August Gelpkes.

Über Klassiker hinaus

Wenn man E-Books auf diese Art und Weise verteilen kann, dann lässt sich jede Art von digitalen Inhalten so verbreiten.

Ab August stellt pingeb.org seine Infrastruktur jungen Autorinnen und Autoren sowie Nachwuchsbands sowie anderen Kreativen zur Verfügung. Sie können so Texte oder MP3-„Demotapes“ zu Promotionzwecken in ganz Klagenfurt verteilen. Die Laufzeit von pingeb.org ist vorerst auf ein Jahr begrenzt. Tests zeigten, dass man sich um die Haltbarkeit der verwendeten NFC-Tags und Sticker auch im Winter keine Sorgen machen muss.

Die Technik dahinter

Unter den Stickern befindet sich ein so genannter NFC-Tag. Dabei handelt es sich um einen winzigen Chip, der seine Informationen über eine große Antenne an das Smartphone übergibt, sobald dieses aufgelegt wird. Weil nicht jeder ein NFC-fähiges Endgerät hat, bieten die Sticker auch einen aufgedruckten QR-Code. Beide führen zu einer mobilen Website, welche die Inhalte zum Download bereitstellt.

Als Basis für die Inhalte dient das OpenSource-CMS WordPress. Die Adressen der mobilen Webseiten wurden absichtlich kryptisch (z.B. pingeb.org/2s3mhi) gefasst und Google von inhaltsspezifischen Seiten ausgesperrt. So müssen die Klagenfurterinnen und Klagenfurt die Aufkleber bewusst nutzen, was aber auf viele kleine Überraschungen hoffen lässt.

Projekt Ingeborg verbindet so verspielte Momente mit moderner Technik. Obwohl immer mehr Smartphones mit NFC-Technik daherkommen, fehlt es derzeit noch an einem konkreten Nutzen für den Endanwender. Zumindest in Klagenfurt haben nun viele Besitzer eines neuen Smartphones die Möglichkeit, NFC aktiv auszuprobieren.

NFC  wurde bei NXP in Gratkorn bei Graz entwickelt. Es ist absehbar, dass in Kürze alle besseren Handys damit ausgestattet werden. Auch für das iPhone 5 gibt es entsprechende Gerüchte.

Unzeitgemäßes Urheberrecht

Die E-Books von pingeb.org stammen größtenteils aus dem Projekt Gutenberg (www.gutenberg.org). Die Non-Profit-Organisation hat es sich zur Aufgabe gesetzt, gemeinfreie Werke wieder einer größtmöglichen Leserschaft zugänglich zu machen.

Neben der virtuellen Stadtbibliothek (in einer Stadt, die keine Bibliothek hat) will Projekt Ingeborg auch einen Beitrag zur laufenden Diskussion rund um eine längst fällige Novellierung des Urheberrechts liefern. Literarische Werke werden erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors „gemeinfrei“ und tauchen meist erst dann wieder am publizistischen Radar auf. Problematisch ist, dass viele Werke schon kurze Zeit nach ihrer Publikation in Vergessenheit geraten. 70 Jahre ist eine zu lange Zeitspanne, die weder das kreative Schaffen fördert noch einen Beitrag für die Fortentwicklung der Gesellschaft liefert.

Dazu kommt, dass sich nicht einmal Rechteeigentümer wirklich auskennen. Um die das verwendete Foto von Ingeborg Bachmann nutzen zu dürfen, mussten wir den Fotografen (Wolfgang Kudrnofsky) ausfindig machen, der jedoch vor zwei Jahren verstarb. Umfangreiche Recherchen führten gleich zu mehreren möglichen Rechteinhabern. Schlussendlich bekamen wir – was juristisch eigentlich unmöglich ist – die Rechte gleich doppelt (von der Erbin und einer Galerie) zugesprochen.

STW Mobilität – Idealpartner im öffentlichen Raum

Es ist enorm schwierig, den öffentlichen Raum für ein Kulturprojekt dieser Art zu nutzen. Selbst die Anbringung von Stickern auf Geschäftslokalen mit Erlaubnis des Eigentümers kann problematisch sein. Legt man das Kärntner Ortsbildpflegegesetz strengstmöglich aus, dürfte kein Geschäft auch nur einen Kreditkartenhinweis oder Abverkaufskleber anbringen.

Da pingeb.org aber im privaten wie virtuellen Raum alleine wenig Wert stiften, gingen die Initiatoren auf Partnersuche und wurden in den Stadtwerken Klagenfurt fündig. Die STW Mobilität verfügt über die perfekte Infrastruktur für Projekt Ingeborg: sein Netz an Bushaltestellen: Sie befinden sich an allen frequentierten Orten der Landeshauptstadt und sind größtenteils witterungsgeschützt. Sollte der eine oder andere Fahrgast den Bus versäumt haben, wird pingeb.org von morgen an mit digitalen Inhalten und ein wenig Spannung für Kurzweile sorgen. Die Zusammenarbeit entstand in kürzester Zeit und völlig unkompliziert.

Die STW Mobilität freut sich, ein Kulturprojekt zu unterstützen, das den Kreativen in der Landeshauptstadt Klagenfurt neue Möglichkeiten der Promotion gibt. Zudem kann die STW Mobilität im Rahmen der Projektkooperation die Akzeptanz dieser Technik unter ihren Fahrgästen zu testen.

Über Projekt Ingeborg

Das Projekt wurde von Georg Holzer (freier Journalist) und Bruno Hautzenberger (Softwareentwickler) initiiert. Es wurde aus der simplen Frage geboren: Was kann man mit NFC-Funk anstellen? Projekt Ingeborg erhält keinerlei Subventionen oder Spenden und trägt sich einzig aus Eigenmitteln. Ferner gibt es keinerlei kommerzielle Interessen oder andere Anliegen als die genannten.

1 Antwort

Trackbacks & Pingbacks

  1. [...] für eine freiere Zugänglichmachung von digitalen Inhalten, als das bislang der Fall ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Hauptstadt von Kärnten, die einzige mitteleuropäische Stadt ohne eigene Stadtbibliothek [...]

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